Öl

Zwar gibt es ein Thema, das momentan mehr unter den Fingernägeln brennt. Doch jetzt, wo ich Öl auch noch gehört habe, muss das Thema einfach dran:

Wie wohl jeder schon in der Schule gelernt hat, entsteht Erdöl aus abgestorbenen und zum Meeresgrund abgesunkenen Lebewesen, die – in Sediment eingelagert, dort unter Druck, Hitze und Ausschluss von Sauerstoff in Erdöl umgewandelt werden.

Vielleicht ist das jetzt etwas weit her geholt, aber was da so aus Schornsteinen und Auspuffen qualmt, hat vor Millionen Jahren einmal wirklich gelebt, ist nicht einfach nur so etwas wie eine flüssige Gesteinsschicht. Das was als Erdöl gefördert wird, ist eigentlich das Material vergangenen Lebens auf dieser Erde, eben nicht bloß eine geologische Schicht, sondern sozusagen Geschichte gewordene Natur. Die Grundlage unserer industriellen Gesellschaft ist nichts anderes als eine Zerfallsstufe biologischen Lebens.
Und da sind wir ja schon fast bei einem Klassiker angelangt, nämlich dem Gegensatz von natürlichem und industriellem Leben. Die Industrie, so sehr sie uns auf einer praktischen Ebene nützt, bedeutet auf einer Ebene der Menschlichkeit, oder des Lebenspotentials einen Verlust.
Lewis Mumford z.B. stellt schon für die Frühgeschichte einen Zusammenhang von technologischem Fortschritt (am Beispiel der Eisengewinnung und Waffenentwicklung) und lebensverachtenden Mythen (Menschenopfer) her.

Zum Thema Öl fällt mir aber auch noch was ganz anderes ein: Robert B. Marks Buch „Die Entstehung der modernen Welt“, in dem er einen nicht-eurozentristischen Blick auf die jüngere Weltgeschichte wirft und besonders auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen weltpolitischer Entwicklungen eingeht.
Nach seiner These erklärt sich die Vorherrschaft des Westens während der vergangenen 200 Jahre einer rasanten Industrialisierung, die wiederum im Wesentlichen im Zugriff auf fossile Brennstoffe begründet ist: Kohle und in weiterer Folge Erdöl standen – dem bis zum 18.Jhd kulturell und wirtschaftlich zumindest ebenbürtigen – China (sowie Ostasien im weiteren Sinn) einfach nicht zur Verfügung. Während sich Dampfmaschinen im Prinzip auch mit Holz befeuern ließen, hatte nach Marks der Zugriff auf fossile Brennstoffe für den Westen den Vorteil, dass die Produktion von Lebensmitteln und die von Energierohstoffen nicht mehr in einem Konkurrenzverhältnis um begrenzte landwirtschaftliche Anbaufläche standen.

Anfangs erschien mir diese These nicht besonders plausibel. Doch werfen wir ein Blick in die jüngste Vergangenheit werfen; ungefähr auf den Sommer 2008; eine Zeit also, da die Wirtschaftskrise noch nicht offiziell war: Angesichts des enorm gestiegenen Ölpreises, an dem Spekulation sicher einen Anteil hatte, der sich in erster Linie aber aus zunehmendem Verbrauch bei gleichzeitig begrenzter Förderung und einem sich anbahnenden Peak-Oil-Szenarios verdankt, entwickelt sich ein regelrechter Boom um Biosprit, der dazu auch noch politisch gefördert wurde (und wird?).

Gleichzeit explodieren die Preise für Agrarprodukte, für Weizen, für Mais, für grundlegenste Produkte des täglichen Lebens. Auch hier wird anfänglich allein die allmächtige Hand des Spekulanten vermutet, und erst langsam sickert die Einsicht durch, dass der Preisdruck von der Produktion erneuerbarer Energieträger kommt, der mit dem Anbau von Lebensmittel unmittelbar konkurriert.

Dabei geht es in Summe vielleicht 10% der Anbaufläche und das wo vielleicht 1-2 Jahre zuvor noch Ackerland quadrakilometerweiße brach gelegen ist: und zwar auf Grund landwirtschaftlicher Überproduktion!

Wir sehen, welche Verwerfungen, diese paar Prozentpunkte auslösen. Nachdem im August bereits Hungerepidemien drohten, müssen wir also für die Unfähigkeit der Finanzkapitäne sogar noch dankbar sein?

Angesichts dieser Entwicklungen hat Marks These für mich einiges an Überzeugungsfähigkeit dazugewonnen. Bei einer (aus ökonomisch Sicht) erreichten maximalen Förderkapazität von Erdöl, besteht die Tendenz den Energiebedarf zunehmend aus erneuerbaren (und damit auch biologischen) Ressourcen zu decken. Das übt Druck auf die Lebensmittelpreise aus, die grundlegenden Lebenserhaltungskosten steigen, Überschusskonsum bzw. Investitionen bleiben aus, was wiederum die wirtschaftliche Zugkraft einbremst. Vorausschau auf eine Krise, die dem von Marks geschilderten Szenario des 18. Jahrhunderts sehr ähnelt.

Im 18, Jahrhundert wurde die Nutzung fossiler Energieträger für dem Westen zum Ventil für den Bruch mit der alten Ordnung und verhalf ihm zum machtpolitischen Durchbruch. Was bedeutet das für die Weichenstellung des 21. Jahrhunderts (und zwar für die Zeit nach der aktuellen Wirtschaftskrise)?

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